Harley-Davidson FLH 1200, 1963

2500mm x 1000mm

Das hier ausgestellte Motorrad ist Untersuchungsobjekt für die eigene Auseinandersetzung mit der Fetischisierung von Männlichkeit*, mit der Rolle von gender, race und class im Stadtbild und für eine ästhetische Analyse der Einzelteile, die ihre eigene Produktionsgeschichte erzählen. Wie wird diese Maschine zum Fetisch und was hat das mit Männlichkeit* zu tun? Warum geht von der Selbstdarstellung des „rebellischen Bikers“ hegemoniale Macht aus und wie eignet sich die queere Szene diese Narration selbst an? Es folgt ein holpriger Ausflug in Online-Foren, Männer*-Selbsthilfeblogs und Statistiken großer Automobilkonzerne.

In unzähligen Motorrad-Blogs beweisen sich Admins, indem sie ihr Fachwissen darlegen, das sich um die Themenkomplexe Geschwindigkeit und technische Innovation rund um das Motorrad bewegt. Das Wissen um Einzelteile und die Begeisterung für die technische Historie ist schier unendlich.

Die Motorradproduktion bei Harley Davidson begann 1905. Zu der Entstehungszeit des Ausstellungsobjekts zwischen 1948-1965 wurden Panhaed Motoren verwendet.1 Der Zylinder Kopf sieht aus wie umgedrehte Pfannen, löste den Knucklehead (1936-1947) ab und wurde 1966 durch den Shovelhead ersetzt. Nach vielen weiteren Modellen kommt 2021 der Revolution-Max-1250-Motor auf den Markt. Etwa 150 Jahre zuvor schrieb Marx von der Revolution in einer gänzlich anderen Bedeutung und legte seiner Analyse des Kapitalismus die Analyse der Ware zugrunde. In seinem Kapitel über den Warencharakter betont er den magisch-religiösen Sinn der Ware als Fetisch. Harley Davidson vermarktet das Göttliche und nutzt Strukturen hegemonialer Männlichkeit* für Profite - der Motor als Substitut zum notwendigen Erfolgsobjekt.

„Die technisch-industrielle Moderne schafft in ihrer Objektwelt eine Phantasmagorie, welche die Züge nicht nur des Traums, sondern auch des Fetischismus annimmt.“ 2

Eine Maschine ist, laut dem Etymologischen Wörterbuch des Deutschen, ein „technischer Apparat zur Übertragung von Kraft und zur Ausführung von Arbeitsgängen“. Harley Davidson vermarktet diese Maschine als Machtsymbol. Ein Manifest männlicher* Freizeitbeschäftigung. Seit Jochen Zeitz im Vorstand ist und „betont lässig auf Leistung durch Understatement“ setzt, werden Fragen nach dem Männlichkeits*bild in der Führungsebene von Harley Davidson gestellt - „weg vom „Suggar Daddy“ 3 hin zum sportlichen Überflieger“.4 Harley Davidson verkauft „einen Lebensstil. Das Motorrad gibt es gratis dazu.“ sagt Bernhard Gneithing (Marketing-Direktor der Harley-Davidson GmbH). Gneithing meint hierbei ein Freiheitsgefühl, von der auch Brigitte Bardot in ihrem Lied „Harley-Davidson“ singt.

Trotz der Vermarktung des Motorradfahrens als kultigen, maskulinen* Lifestyle gibt es Brüche mit dieser Lesart. Hat das Motorradfahren ein emanzipatorisches Potenzial der Männlichkeits*konstitution inne? Der Biker-Habitus kann nach Judith Butler in seiner Performativität dekonstruiert werden. Männlichkeit* wird hinterfragt und Motorradfahren zur feministischen Praxis. Aber wie konstituiert sich hegemoniale Macht trotzdem noch immer durch das Motorradfahren?

Männlichkeit* baut auf der Idee von Geschlecht auf. Aus Ablehnung des „biologischen Determinismus“ wurde ein Konzept von Geschlechtlichkeit entwickelt, das Aspekte von sozialer Konstruktion von Geschlechteridentität stärker betont.5 Judith Butler ordnet sex (biologisches Geschlecht) innerhalb des Begriffs gender (soziales Geschlecht) ein. Wir praktizieren eine binär codierte Wahrnehmung, die an männlichen* und weiblichen* Stereotypen festhält.6 Für Männer* gelten z.B. Aktivität, Stärke und Fähigkeiten wie Leistungsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und Leistungsstreben.

Die Wissenschaftlerin Raewyn Conell unterscheidet zwischen vier Arten des Geschlechterverhältnisses von Männern*: Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft und Marginalisierung. Sie bezieht sich im Hegemonie-Konzept auf Antonio Gramsci und dessen Analyse von Klassenbeziehungen. Männlichkeit* meint in diesem Sinne „jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis, welche die momentan akzeptierte Antwort auf Legitimationsprobleme des Patriarchats verkörpert und Dominanz der Männer* sowie Unterordnung der Frauen* gewährleistet (oder gewährleisten soll)“. 7

Das Performen von Männlichkeit* innerhalb dieser stereotypen Ideale stellt sich als Schwierigkeit heraus. Substitute werden zur Hilfe genommen, ein Fetisch 8 muss her. Der Umgang mit dieser Identitätsprothese Motorrad zur Manifestation von Männlichkeit* wirft Unsicherheiten auf. Ob Männlichkeit* in einem zeitgenössischen Sinn dabei nicht eigentlich in sich hinterfragt und möglicherweise abgeschafft wird, scheint unwichtig. In diversen Internet-Foren wird diskutiert, warum Frauen* eher selten Motorrad fahren 9 und ob Frauen* Biker wirklich sexy finden.10

"Motorräder, Männer am Lagerfeuer, da brauchste keine Weiber" sagt Christian, ein Motorradfahrer beim Biker-Treffen in einem Interview mit VICE.11

Obwohl sich Frauen* seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Motorrad-Clubs zusammenschließen, nehmen frauen*verachtende Tendenzen in der Motorradszene nicht ab. 1998 analysiert Moritz Holfelder:

„Damen posierten nach wie vor auf Anzeigen verführerisch, um den Mann ja nicht zu verunsichern in der selbstherrlichen Gewissheit, nämlich, dass Erotik auch auf zwei Rädern vor allem eine Frage der Macht zu seinen Gunsten sei.“ Dies spiegelt sich in einer Aussage aus dem Playboy wider, die Holfelder zitiert: „Wenn du so eine halbe Stunde deinen Chopper jagst und dann auf was Zweifüßiges umsteigst, merkst du den Unterschied bloß, weil die Braut so satt gar nie röhren kann.“ 12

Motorradfahren ist aber nicht nur männlich* und heterosexuell. Queere Rockergruppen und FLINTA+ Motorradteams brechen mit diesen Klischeezuschreibungen.

1937 gründete sich in den USA die WIMA Women´s International Motorcycle Association.
1958 folgt eine europäische Abspaltung der WIMA, die z.B. in Schweiz 100 Teilnehmerinnen* zählte.
Mitte der 1980er gründete sich der deutsche Verein Hexenring mit 600 Mitglieder*.
Ab 1991 vergab der 1985 gegründete Verein Women On Wheels e.V. einmal jährlich den „Goldenen Abfalleimer“ Preis an Firmen und Institutionen, die sich öffentlich frauen*feindlich äußern.

1995 besitzen Frauen* in Deutschland 13 Prozent der zugelassenen Fahrzeuge.13
2011 gibt es 14 Prozent Motorradfahrerinnen*.14
2019 analysiert die Motorradversicherung verivox, dass 90 Prozent aller Motorräder Männern* gehören. Bis 29 Jahre lag der Frauen*anteil bei 14 Prozent.15

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit analysiert Merle Mühlhausen, dass es neue und mehr Frauendarstellungen innerhalb der Motorradszene braucht, um bestehende Rollenbilder zu brechen.16 Motorradfahren hat also eine subversive, feministische Kraft, die es zu nutzen gilt.

  1. https://www.1903shop.de/harley-davidson/wissenswertes/motor-history-von-harley-davidson/, abgerufen am 26.06.22.
  2. Benjamin,Walter (1927): Das Passagen-Werk.
  3. Fischer-Appelt, Bernhard (2005): Die Moses Methode. Führung zu bahnbrechendem Wandel. Murmann Publishers, S.47.
  4. Ebd.
  5. Hissnauer, Christian (Hrg.), Klein, Thomas (Hrg.), 2002: Männer – Machos – Memmen: Männlichkeit im Film. Mainz: Bender, S.22.
  6. Hissnauer, Klein (2002): S.25.
  7. Hissnauer, Klein (2002): S.28.
  8. Der Begriff „Fetisch“ wurde ursprünglich im kolonialen Kontext gebraucht.
  9. (,ob das mit ihrer Unfähigkeit zum Bremsen zu tun hätte,)
  10. http://www.ifma-cologne.de/wie-sexy-finden-frauen-motorradfahrer/, abgerufen am 26.06.22.
  11. https://www.vice.com/de/article/ywgkbw/was-wir-bei-einem-biker-treffen-uber-mannlichkeit-gelernt-haben, abgerufen am 26.06.22.
  12. Holfelder, Moritz (1998): Das Buch vom Motorrad: eine Kulturgeschichte auf zwei Rädern. Husum: Husum Verlag, S.113-114.
  13. https://taz.de/Im-Visier-Frauen-auf-Raedern/!1508422/, abgerufen am 26.06.22.
  14. https://www.motorradreporter.com/artikel/thema-frauen-und-motorrad, abgerufen am 26.06.22.
  15. https://www.verivox.de/kfz-versicherung/nachrichten/motorradfahrer-analyse-maennlich-und-ps-hungrig-1116302/, abgerufen am 26.06.22.
  16. https://www.vice.com/de/article/ywgkbw/was-wir-bei-einem-biker-treffen-uber-mannlichkeit-gelernt-haben, abgerufen am 26.06.22.

Text: Melina Papoulia